eine bunt gekleidete Elfe steht draußen in der Natur vor ihrem Atelier. Farbtöpfe, Untensilien stehen hinter ihr. Sie hält einen Pinsel in der einen und eine Farbpalette auf einem Blatt in der anderen Hand.

Der kreative Prozess

In dieser Sektion möchte ich Dich ein wenig in die kunsttherapeutische Betrachtung des kreativen Prozesses einweihen. Die Phasen des Prozesses verlaufen nicht unbedingt linear, aber ich zähle sie trotzdem nach einer Logik auf, die erklärt, warum die eine auf die andere einen Einfluss hat. Der Prozess gliedert sich in vier Kernphasen. Während man sie durchläuft, wechselt das Gehirn von einer Frequenz in die andere. Diese neurobiologischen Veränderungen leiten den Übergang vom rationalen Denken hin zum tiefen emotionalen Ausdruck des Unbewussten ein.

Die erste Phase ist die Vorbereitung (Fachwort: Präparation)

In der Vorbereitungsphase ist der präfrontale Kortex der aktive Teil im Gehirn. Dadurch schwingt der Denkapparat in Beta-Wellen (13–30 Hz), sodass man sich im Zustand der bewussten Aufmerksamkeit befindet. In dieser Phase widmet man sich möglichst allen Aspekten der Problemstellung und strukturiert die Gedanken. Hier wird auch der innere Konflikt erörtert, und körperliche Phänomene werden beschrieben: Ein unklarer Schmerz, eine Sehnsucht oder ein dringliches Lebensthema dürfen endlich Ausdruck finden. Die Konfrontation kann bis in ein Gefühl der Überforderung hineinreichen, was dazu beiträgt, sich selbst gegenüber wirklich aufrichtig zu sein. Am Ende der Problemkonfrontation wird angestrebt, Ziele auszuformulieren. „Wo bin ich jetzt?“ und „Wo möchte ich hin?“. Das Eingestehen dessen, dass man gern etwas wandeln möchte, fordert dazu heraus, die Komfortzone zu verlassen und die Veränderung zu begrüßen oder zumindest in Erwägung zu ziehen, selbst wenn unser Verstand noch gar nicht weiß, wie diese Veränderung aussehen könnte.

Der Verstand versucht, das Problem zu fassen und scheitert nicht selten vorerst an der Findung einer Lösungsidee. Darum können unangenehme Gefühle auftauchen. Zugleich entsteht eine Aufbruchstimmung, die dinglich oder schüchtern sein kann.

In der zweiten Phase (Fachwort: Inkubation), sinkt der Fokus in das Unbewusste hinein. Je mehr der Verstand dagegen ankämpft, die Kontrolle abzugeben, desto mehr hadert man mit der Ungewissheit. Nun darf man sich selbst erlauben, unproduktiv im Außen zu sein und alle Ressourcen für die Innenwelt freizumachen. Die bewusste Anstrengung im präfrontalen Kortex soll aussetzen. Das Wechselspiel von Alpha- und Thetawellen macht das neurobiologische Feuerwerk nun spannend. Sobald der bewusste Versuch abgebrochen wird, das Problem rational zu lösen, schaltet das Gehirn in eine Art aktiven Ruhezustand um. Alpha- und Thetawellen wechseln sich ab, und das Thema arbeitet im Unterbewusstsein weiter. Für Menschen, die sich über ihre Leistung definieren, kann diese Phase eine Geduldsprobe sein, weil sie die harte Arbeit ihres Unterbewusstseins, die im Hintergrund abläuft, nicht rational messen können. Es tauchen nicht selten Zweifel, Frustration oder das Gefühl auf, festzustecken. Und dann entstehen Widerstände. Wenn wir an dieser Stelle künstlerisch oder imaginativ tätig werden, kann der Erwartungsdruck entweichen und das Unterbewusstsein entlastet werden.

In der dritten Phase finden wir in den gestaltenden Ausdruck hinein (Illumination) Währenddessen können Gefühle nachreifen, die man bislang vernachlässigt oder gar verdrängt hat. Das Flowgefühl schaltet den beurteilenden Zensor und das lineare Zeitempfinden aus. Die inneren Bilder werden materialisiert und Teil der haptischen Wirklichkeit – auf Papier oder zum Beispiel in Ton können wir die Schätze aus unserem Unterbewusstsein heben und unsere kreative Wirkmacht erleben. Mit ihr haben wir plötzliche Ideen und Aha-Erlebnisse, und die nächste Phase wird eingeleitet. Wenn der kreative Funke – der Gamma-Blitz (30–100 Hz) – überspringt und das Unterbewusstsein uns eine Eingebung schickt, handelt es sich um einen plötzlichen Ausbruch von Gamma-Wellen, die man – wie alle anderen auch – messen kann. Das ist die magische Sekunde, in der das Unbewusste einen konkreten Ausdruck findet und sich materialisiert, sodass er sich nicht mehr verflüchtigen kann. Gamma-Wellen stehen für die höchste Form der Informationsverarbeitung.

Aber auch im Leben kann man sich während der Inkubationsphase selbst unterstützen, indem man dem Gehirn so oft es geht eine Pause vom Verstand ermöglicht. Das Gehirn schwingt in Alpha-Wellen (8–12 Hz), sobald das Tor zur Entspannung sich öffnen kann. Äußere Reize werden ausgeblendet oder zumindest abgepuffert, sodass man den Blick nach innen wenden kann. Aber auch automatisierte Tätigkeiten im Alltag versetzen uns in diesen Zustand, weil diese Beschäftigungen so oft wiederholt und motorisch automatisiert wurden, dass man währenddessen nicht mehr darüber nachdenkt, was man tut: Duschen, Abwaschen und Autofahren sind einige von ihnen. Kommt noch ein monotoner Blick auf die Straße oder ein Tagtraum unter dem warmen Wasserregen hinzu, schaltet das Gehirn noch einen Gang tiefer in die Theta-Frequenz hinein. Dies ist der Zustand des Tagträumens, der alle logischen Schranken öffnet. Nun beginnt das Gehirn, im Hintergrund lose Fäden, ungelöste Probleme und alte Erinnerungen völlig frei miteinander zu verknüpfen. Manchmal werden uns hier auch alte Suggestionen bewusst – negative Glaubenssätze, die andere einst in uns hineinlegten und uns blockiert haben.

In der Kunsttherapie üben wir, die Leere auf dem Blatt Papier zuzulassen und impulsiv zu füllen – ohne Ziel, sodass die unnatürliche Angst vor dem „Versagen“ verpufft. Das eigentliche Tun beginnt – ein oft rauschhaftes, selbstvergessenes oder intuitives Gestalten im Flow. Es entstehen Momente von tiefer Selbstwirksamkeit und Entlastung, in denen das Werk als „äußerer Spiegel“ der inneren Verfassung dient. In der Kunsttherapie spricht man nun vom kunsttherapeutischen Dreieck, und das unterscheidet diese Therapieform auch von den anderen, denn hier haben wir nicht nur zwei Instanzen, die am Gespräch teilnehmen, sondern drei – das Bild spricht nämlich auch.

Und nun erzähle ich Dir, warum mich die Methode der Imaginationsreisen, ich nenne sie Heldenreisen, vor dem kreativen Ausdruck so fasziniert. Wir reisen in das Land der Seele und sehen vor unserem inneren Auge die Bilder, die unser Unbewusstes uns schickt. Nehmen wir uns nach der Reise die nötige Zeit, sie in unsere haptische Welt hinein zu übersetzen, vollziehen wir die kunsttherapeutische Magie und beschenken uns selbst. Wir lernen uns auf feinstofflicher Ebene besser kennen und deuten die Bildsprache unserer Seele nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Beobachter in unserem Herzen. Nicht selten kommen uns genau dann oder wenig später Ideen dazu, wie wir konstruktiv und ohne Zwang auf die Ausgangsproblematik einwirken können.

Und nun folgt die vierte Phase der Verifikation und Integration: Das Gehirn kehrt zurück in den Alpha- und Betazustand. Beim abschließenden Betrachten des Werkes suchen wir nach Worten, um es zu beschreiben und zu verstehen. Hierbei dienen uns die Beta-Wellen. Gleichzeitig bleiben die Alpha-Wellen aktiv, um die emotionale Verbindung zum Bild zu halten und das Mitgefühl mit uns selbst zu üben. Je öfter wir das tun und unsere Gefühle überleben und integrieren, desto mehr bauen wir die Angst vor ihnen ab und desto weniger dringlich wird der Impuls, in die Vermeidung zu gehen. Wir lernen zu fühlen und unsere Gefühle zu integrieren. Wir verstehen, was sie uns sagen wollen und welche Bedürfnisse sie uns vermitteln möchten. Je klarer wir uns über unsere Bedürfnisse werden, desto mehr kristallisiert sich auch der Weg zum Ziel heraus, das wir uns am Ende der ersten Phase, der Problemanalyse, gesetzt hatten. Waren wir hier ganz ehrlich und schon bewusst genug, kommen wir schneller ans Ziel. Sind unsere Ideen nicht alltagstauglich, können wir eine erneute Analyse anstoßen und die nächste Heldenreise antreten.

Das Leben ist kein lineares Vorhaben, sondern ein Weg, der uns erlaubt, uns immer neue Ziele zu setzen und zu lernen, wie wir uns selbst und anderen authentisch begegnen und nach dem streben, was uns im Inneren erfüllt, statt nur im Außen zu konsumieren, was man kaufen kann.

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